DEAR DARLING BERLIN X FEMALE FOUNDER STORIES

LIAPURE 



1. Liebe Leonie, ich freue mich sehr, dass ich dich und LIAPURE als Teil unserer Female Founder Community vorstellen darf. Erzähl doch gerne ein wenig über dich und dein Unternehmen.


Ich freue mich auch sehr, dass ich ein Teil deiner Female Founder Stories sein darf. Mein Name ist Leonie Isabel Appels, kurz Lia. Ich bin Gründerin und Designerin des Münchner Modelabels Liapure Design Studio aus München. Der Name Liapure setzt sich aus meinen Initialen und meiner Philosophie einer puren und authentischen Stilrichtung zusammen. Bei mir findest du schlichte, zurückhaltende Basics in den drei Grundfarben off- white, beige und schwarz. Alle Stücke wurden dabei zu 100% lokal hier bei uns in Deutschland gefertigt. 


Ich habe mich immer gefragt warum wir eigentlich am wenigsten in das investieren was wir am häufigsten tragen – nämlich gute Essentials (basics). Denn im Durchschnitt tragen wir jeden einzelnen Tag mindestens ein Essential, welches wir als Gesamtlook kombinieren. Mein Ziel ist es daher Handwerkskunst und Essentials zu verbinden und zeitlose Klassiker zu entwickeln, die länger als eine Saison überdauern, somit zeitlos sind und durch ihre durchdachte Passform und hohe Qualität, langlebig sind. An Komfort darf es hier natürlich nicht fehlen und easy care müssen die Sachen auch sein, damit sie nachhaltig Freude bereiten! So arbeite ich innerhalb meiner Essential Kollektion ausschließlich mit innovativen Naturfasern wie zb. Modal und Lyocell. Diese Fasern sind sehr saugfähig (man schwitzt weniger darin), extrem formbeständig, unfassbar soft auf der Haut und natürlich zu 100% nachhaltig und zertifiziert.


Ich denke was Liapure einzigartig macht ist es Essentials mit der perfekten Passform durch ein hohes Invest in Schnittentwicklung und Stoffauswahl anbieten zu können und somit das Rad nicht neu zu erfinden, sondern es besser als andere zu machen. Statt 30 Kollektionen im Jahr versuche ich so Produkte zu erstellen, die wir immer und jeden Tag tragen und brauchen, und von denen wir im Sinne der Cost per wear am meisten haben. Produkte, die zeitlos sind, komfortabel und die somit Langlebigkeit auf allen Ebenen garantieren. On Top kommt dann noch, dass jeder Stoff einzeln nach drei Pantone Farben für Liapure eingefärbt wurde und wir so perfekt aufeinander abgestimmte monochrome Looks anbieten können. Auch die lokale Herstellung der Produkte in Deutschland ist denke ich etwas sehr seltenes. So reduzieren wir die Transportwege auf ein Minimum - ganz im Sinne der Nachhaltigkeit.

2. Wie entsteht ein neues LIAPURE Kleidungsstück? 


Material Research

Alles fängt mit dem Material an. Meine groben Designs habe ich bereits mit Skizzen parat und eine Idee im Kopf – schon geht es los auf die Messe. Hier haben wir 2019 (also vor Corona) all unsere tollen nachhaltigen Materialien aus Italien und Portugal gefunden. 


Stofflaschen/Stoffproben

Nachdem wir mit einigen Großhändlern gesprochen haben, haben wir uns Stofflaschen und Preislisten zuschicken lassen. Hat uns ein Stoff gut gefallen, haben wir 1m davon bestellt und den Stoff vernäht, gewaschen und auf Robustheit getestet.


Lab Dips

Hat uns der Stoff dann immer noch überzeugt haben wir dem Hersteller unsere drei Pantone Farben zugeschickt und Ihn gebeten uns Lab Dips dazu zu schicken (das sind Farbproben für die jeweiligen Stoffe). Denn unsere Essential Kollektion basiert auf drei Basis Farben (off- white, beige und schwarz) und alle Stoffe werden explizit für Liapure nach diesen Farben gefärbt um einen perfekt abgestimmten monochromen Look innerhalb der Kollektion zu erzielen. Alle Lab Dips werden dann miteinander abgeglichen, denn jeder Stoff nimmt Farbe anders auf und damit alles am Ende stimmig ist, müssen wir die Lab dips teilweise 3-4 mal beim Großhändler anfordern bis sie dann wirklich alle untereinander passen.

Entwurf/Design

Sobald ich eine grobe Übersicht über die Materialien, deren Haptik und Gewicht etc. habe, kann ich meine Designs final anfertigen. Oftmals hilft im Entwurfsprozess das drapieren an der Schneiderpuppe. Manchmal konstruiere ich den Schnitt aber auch direkt. Im nächsten Step nähe ich meinen Entwurf einmal probehalber um das Volumen zu erkunden und mein Design als echtes Produkt betrachten zu können (um ggfs. noch Änderungen vorzunehmen). All diese Steps passieren in meinem Atelier.


Schneidermeisterin - Schnittverfeinerung

Mit diesem Papierschnitt und dem Prototyp geht es dann ab nach Regensburg, zu meiner Schneidermeisterin Silke. Silke hat eine 5 jährige Ausbildung zur Schneidermeisterin absolviert und somit eine andere Expertise in der Schnitttechnik als ich mit meinem 3 Jährigen Design Studium in Berlin. Gerade weil meine Basics wirklich perfekt sitzen müssen, bin ich hier auf Silkes Verfeinerungen angewiesen und so gehen wir alle Schnitte gemeinsam noch einmal durch und perfektionieren diese.


Für die Atelier Kollektion geht es dann direkt bei Silke weiter, denn Sie näht alle diese limitierten und besonderen Stücke per Hand.


Schnittdigitalisierung

Für unsere Essentials dagegen geht es dann wieder zurück nach München und zwar zu Frau Borgmann. Sie ist Schnittdirectrice und digitalisiert und gradiert (Schnitt in verschiedenen Größen anlegen) die Papierschnitte von mir und Silke und macht sie produktionsreif. Das Ganze wird mit einem CAD Programm am Computer erstellt. Zusätzlich erstellt Frau Borgmann dann jeweils 20-seitige PDF’s – Tech Sheets- in denen jeder einzelne Verarbeitungsschritt samt Maßen und Längenangaben festgehalten wird, damit bei der Produktion auch wirklich nichts mehr schief geht. Gleichzeitig erstelle ich dann noch sogenannte Labeling Mock ups – hier wird dann genau beschrieben (mit einer technischen Zeichnung) wo und wie meine Pflegeetiketten und Labels in welches Kleidungsstück wie eingenäht werden sollen – eine Technische Flachzeichnung von jedem Produkt mit Front- und Rückansicht gibt es dann von mir auch noch dazu.


Produktionsvorläufer

Endlich ist es soweit! Der digitalisierte Schnitt geht an die Produktion. Bevor aber die ganze Produktpalette produziert wird, müssen wir natürlich erstmal einen Produktionsvorläufer nähen lassen. Das macht man, damit man sehen kann ob die Produktion alle Verarbeitungsschritte richtig berücksichtig hat, ob der Stoff sich verzogen hat und ob der Schnitt auch wirklich richtig passt. Außerdem gibt es dann noch einen Waschtest um den Einsprung der Modelle/Stoffe zu berechnen und zu berücksichtigen.


Fitting

Sobald wir den Vorläufer von der Produktion erhalten haben, treffe ich mich mit Frau Borgmann und wir messen alles anhand unserer Tabelle aus den technischen Unterlagen nach, fitten das Teil an der Schneiderpuppe und an mir (manchmal auch an weiteren Personen) und schauen uns an, was noch verbessert werden muss. Im Anschluss daran wasche ich das Modell, messe nochmals nach (Einsprung) und wir tragen alles in unsere Tabelle ein und passen den Schnitt ggf. dann nochmals an.


Im Schnitt brauchen wir mit meinem Vorläufer, den Verbesserungen von Silke und dann Frau Borgmann und den Fittings 3-5, manchmal bei komplizierteren Modellen aber auch 5-7 Vorläufer. Kaum zu glauben, oder? Aber bis ein Schnitt mal perfekt ist, braucht es eben wirklich einiges an Entwicklungszeit. Jeder Vorläufer kostet bei der Produktion 300% Aufschlag zum später regulären Produktionspreis, da die Näherinnen alle Maschinen mit dem richtigen Garn für nur ein Modell rüsten müssen und den Zuschnitt auch einzeln ausführen müssen. Insgesamt fließt auf diese Weise sehr viel Geld in die Entwicklung unserer Essentials – aber wir finden es lohnt sich – denn die Schnitte sprechen für sich!


Frei zur Produktion

Wenn dann der Produktionsvorläufer abgesegnet ist, erstelle ich ein Order Sheet und sende es an die Produktion. Hier finden sich dann alle Modelle, die Anzahl in den jeweiligen Größen und Farben etc. wieder und die Modelle sind dann frei zur Produktion. Derzeit produzieren wir pro Modell und Farbe immer knapp 30 Stk. Die kleinen Mengen garantieren, dass wir keine unnötigen Produkte in einen ohnehin schon übersättigten Markt pumpen und so erst der Nachfrage entsprechend nachproduzieren.


Et Voila! – das war eine ganz grobe Übersicht über die Entstehung eines Produktes (hinzu kommen noch Entwicklung der Labels und Etiketten und vieles mehr).

3. Was ist deine größte Herausforderung in deinem Gründerinnen-Alltag?


Die größte Herausforderung für mich ist auf jeden Fall jeden Tag aufs neue alles alleine zu meistern. Da ich keine Mitgründerin habe, komme ich schon wirklich oft an meine Grenzen. Arbeitsprozesse und Aufgaben lassen sich nicht aufteilen und da wächst einem das Ganze dann schnell mal über den Kopf. Als Gründerin – wie du ja selbst weißt – muss man nämlich alle Jobs, die normalerweise auf die verschiedensten Positionen in anderen Firmen aufgesplittet sind, ganz alleine stemmen und das jeden Tag – so z.B. Marketing Chief, Business Analyst, Produktionsplaner, Merchandiser, Social Media Content Creater, Ceo, Brand Development Manager, Customer Service, Designer, Supply Chain Coordinator.... usw. Um bei all den Aufgaben einen kühlen Kopf zu bewahren mache ich mir immer To Do Listen, die ich dann täglich der Reihe nach abarbeite – ganz wichtig ist es auch sich hierbei Prioritäten zu setzen, da man leider meist nicht alles schaffen kann. Flexibilität und Spontanität sind hierbei auch ganz wichtig, da nie ein Tag genau so abläuft wie geplant und immer viele Dinge noch dazwischen kommen.


4. Worauf bist du am meisten stolz?


Ich bin stolz darauf, dass ich es bis hierher alleine geschafft habe und den Mut hatte Liapure zu starten. Oft war ich an meinen Grenzen, aber ich bin immer wieder aufgestanden und habe weitergemacht, denn Liapure ist mein Herzensprojekt – mein Traum. Mit meinem kleinen Atelier, unweit des Viktualienmarktes, habe ich es geschafft mir trotz der unfassbar hohen Mietpreise den Traum eines kleinen Laden/Ateliers verwirklichen zu dürfen – zwar nicht als Laden an der Straße (finanziell noch nicht möglich), aber dafür umso verträumter in einem wunderschön idyllischen Hinterhof. So kann ich meine Kunden mitnehmen auf die Reise – denn mein Atelier ist nicht nur ein Laden, sondern auch mein Arbeitsplatz, d.h. alle meine Entwürfe und Designs entstehen hier. Darauf bin ich stolz, denn so kann ich allen meinen tollen Kunden/*innen meine Schnitte zeigen, und den gesamten Entstehungsprozess eines Produktes erklären, als Designerin selbst alle Entwürfe veranschaulichen und erläutern und so einen tieferen und ehrlichen Blick hinter die Kulissen ermöglichen und hoffentlich auch einen kleinen Beitrag zu einer nachhaltigeren Modewelt im Sinne der Aufklärung leisten.


PS: Und natürlich bin ich auch immer ein bisschen stolz, wenn ich jemanden sehe, der meine Designs trägt – ich meine was gibt es für ein tolleres Kompliment für einen Designer?


5. Wenn du anderen Gründerinnen 3 Tipps für den Start in die Selbstständigkeit geben könntest, welche wären es?


1. Bleibt euch selbst treu – es wird oft Scheidewege geben, an denen Ihr euch für eine Richtung entscheiden müsst – denkt immer daran eurer Vision und Philosophie treu zu bleiben, egal wie verlockend so manche Angebote sein werden.


2. Haltet durch! Es wird oft Tage geben, an denen Ihr euch fragt wofür ihr das eigentlich alles macht. Tage an denen das Tal unendlich tief zu liegen und der Weg nach oben so weit weg zu sein scheint– denkt immer dran, gut Ding will Weile haben und genau diese fiesen Momente - in denen es schwer wird

und sich alles unüberwindbar anfühlt- sind diese an denen wir wachsen dürfen!


3. Habt einen Plan! Auch wenn die Selbstständigkeit nie genau so verläuft wie man es sich vorstellt – ein grober Fahrplan muss sein! Damit meine ich: Setzt euch Grenzen für Investments, plant euer Budget und setzt euch Deadlines – denn ohne eine gewisse Struktur verrennt ihr euch nicht nur finanziell ganz schnell...


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Wenn du mehr über Leonie und Liapure erfahren möchtest, schaue gerne hier vorbei:


Zur Website: www.liapure.de

Zu Instagram: @liapure